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Grosse Herbstauktion

Samstag 03. Dezember 2016 um 15 Uhr

241 Lots
  • Die Sammlung Wollheim

    Vor mehr als vierzig Jahren trugen Senta und Dietrich Wollheim eine sehr individuelle Kollektion antiker Orientteppiche zusammen. Die Anfänge gehen zurück auf Dietrich Wollheims Faszination für die alten Kulturen im Zweistromland; die ersten Auktionserwerbungen, Anfang der sechziger Jahre, waren eher Beifang. Schon bald aber zog der raffinierte Formen- und Farbenreichtum dieser Textilkunstwerke die Eheleute in den Bann. Das Umfeld wirkte unterstützend mit: Kunsthistoriker aus dem Freundeskreis und damals bekannte Kunsthändler wie Ulrich Schürmann, der ein enger Freund wurde, vermittelten Grundkenntnisse, erklärten die Ikonographie und den Zusammenhang der Muster und Motive, und führten auf die richtige Spur. Sentas Bestimmtheit war es zu verdanken, daß mit zunehmender Erfahrung eine fast professionelle Auseinandersetzung mit der Materie einsetzte. Die breitgefächerte Zusammensetzung der Kollektion zeigt allerdings, daß Eigensinnigkeit und Spontaneität die Herangehensweise stets bestimmten. Die Stücke mußten den ganz persönlichen Vorstellungen von Schönheit und Sammelwürdigkeit entsprechen; die besondere Aura war ausschlaggebend bei den Kaufentscheidungen. Der Erhaltungszustand spielte hingegen als Kriterium keine übergeordnete Rolle: In dieser Hinsicht waren die beiden Sammler ihrer Zeit voraus. Altehrwürdige Kleinode wie der kleinformatige Mameluken-Teppich, der anatolische Drachenteppich oder der frühe Aksaray-Dorfteppich mit zwei riesigen Oktogonen begeisterten die Wollheims nicht nur wegen ihrer spezifischen Ästhetik, sondern auch, weil sie deren historische Bedeutung erkannten. Die letzten Ankäufe erfolgten 1976. Seitdem ist die Sammlung als Ganzes, mit Ausnahme einiger weniger Veräußerungen – so wurde 2001 ein Stern-Uschak bei Rippon Boswell versteigert, der sich in der Publikation „Milestones“ von Moshe Tabibnia wiederfindet – Bestandteil des Familienbesitzes geblieben und wird erst jetzt, nach dem Tode beider Sammler, dem Markt zurückgegeben.

    Dietrich Wollheim Dietrich Wollheim (1924 – 2014) wuchs am Bodensee auf. Beide Eltern waren Ärzte, wie schon viele seiner Vorfahren. Gegen Ende des 2. Weltkrieges wurde er als junger Fernmeldeoffizier auf dem Balkan interniert – für ihn eine sehr einprägsame Zeit, an die er viele Erinnerungen bewahrte. Nach Deutschland zurückgekehrt, studierte er Medizin in Freiburg, Zürich und München – eine institutionelle Karriere bahnte sich an. Umständehalber übernahm er Ende der fünfziger Jahre dann doch die elterliche Praxis, und im Rückblick hat das wohl besser zu ihm gepaßt. Engagiert und immer einsatzbereit, wie es einem Landarzt gebührt, fand er dennoch Gelegenheit, sich seiner zweiten Leidenschaft, der Archäologie, zu widmen. Grabend und forschend entwickelte er sich zum Experten für Funde aus der Römerzeit, insbesondere Gebrauchskeramik. Sammeln war für ihn das selbstverständliche Resultat einer romantischen Suche nach dem Zauber vergangener Zeiten und Kulturen. Einschränkungen gab es nicht prinzipiell. So fanden neben Fossilien, seltenen Steinen, prähistorischen Artefakten, frühen Münzen, arabischen Schriften und Asiatika, auch antike Teppiche den Weg zu ihm.

    Senta Wollheim Senta Wollheim (1929 – 2015), ebenfalls aus einer Arztfamilie stammend, verbrachte ihre Kindheit in der Lausitz, mußte noch im Jugendalter flüchten und landete ohne Hab und Gut in Hamburg, wo sie bald als Journalistin und Fotografin arbeitete. In München studierte sie einige Jahre später Schaupiel. Dort lernte sie ihren späteren Ehemann Dietrich kennen, wurde Mutter, und leicht widerstrebend ging es von der Großstadt in die Provinz. Ende der sechziger Jahre, Kinder und Praxismitarbeit waren nun weniger vereinnahmend, traten ihre kulturellen Vorlieben wieder mehr in den Vordergrund. Mit erstaunlicher Beflissenheit und rastloser Energie trug sie in relativ kurzer Zeit eine beeindruckende Sammlung zusammen; außer der Faszination für die Objekte war dabei sicher auch das Bedürfnis nach einer mehr kosmopolitischen Beschäftigung im Spiel. Neben Orientteppichen bildeten chinesische Porzellane, hauptsächlich aus der frühen Ming-Zeit, einen weiteren Schwerpunkt. Die Fachbibliothek wuchs stetig. Ständig war sie auf Reisen, besuchte Museen, Konferenzen und Auktionen in ganz Europa. Ein reger Austausch mit namhaften Spezialisten vertiefte ihre Kenntnisse, sie wurde eine bekannte Akteurin der Szene, deren Urteilsvermögen man schätzte. Gekauft wurde bei den feinen Adressen, aber ebenso bei weniger bekannten Händlern oder auch direkt von anderen Sammlern. So überrascht es nicht, daß die Kollektion eine große Zahl von Objekten enthält, die hier erstmals veröffentlicht werden. Aus nicht ganz nachvollziehbaren Gründen endeten Sentas Sammelaktivitäten abrupt nach etwa zehn Jahren. Sie lebte fortan zurückgezogen, ihre Kunstschätze kamen nur noch gelegentlich ans Tageslicht und die Musik wurde der Mittelpunkt ihrer Interessen.

    Hinweis: Losnummern 1 bis 57 = Sammlung Wollheim

    • Lot1
    • HerkunftZentralasien, Westturkestan
    • Abmessungen44 x 103 cm
    • Alter1. H. 19. Jh.
    • Schätzpreis EUR1.000
    Nur wenige Torben mit dieser seltenen Gruppe wurden bisher publiziert. Ein Exemplar ist bei Loges abgebildet, ein weiteres wurde bei uns versteigert, ein Fragment von Elmby veröffentlicht. - Im braunroten Innenfeld sind drei horizontale Reihen großer Blütenbäume versetzt angeordnet, von einer vierten Reihe ist oben nur ein Ausschnitt sichtbar. Das auffälligste Merkmal sind die großen Kronen in Form einer Palmette mit ausgreifenden, gefiederten Konturen. Ein zierlicher, stahlblauer Zweig, der drei weiße Blüten trägt, bekrönt jede Palmette. Nach neueren Erkenntnissen kann die Torba der Pseudo-Tschaudor-Gruppe zugeschrieben werden. Sie ist sehr fein geknüpft, mit asymmetrischen, rechts offenen Knoten und leichter Schichtung. - Alters- und Gebrauchsspuren, Mottenstellen, Rückseite nicht erhalten. Einige leichte Rotverfärbungen weißer Partien rühren vermutlich von äußeren Einflüsse her.

    Vergleich:
    LOGES, WERNER, Turkmenische Teppiche. München 1978, Nr. 55 *** RIPPON BOSWELL, A 55, 18. November 2000, # 28 *** ELMBY, HANS, Antikke Turkmenske Tæpper III. Kopenhagen 1996, Nr. 31

    • Lot2
    • HerkunftZentralasien, Westturkestan
    • Abmessungen86 x 120 cm
    • AlterMitte 19.Jh.
    • Schätzpreis EUR1.300
    Ein großer Saryk-Tschowal mit zwölf Primärgüls und Tschemtsche-Sekundärmotiven auf dunkelrotem Feldgrund. In der Hauptbordüre Diagonalkreuze und Hakenrauten, breiter Elem mit einem hermetisch dichten Muster aus kleinen Bäumen. Die weißen Partien in den Gülvierteln der Primärmotive wurden aus weißer Baumwolle geknüpft, Seide kommt nicht vor. - Ringsum beschnitten und neu eingefaßt, Kelimrückseite fehlt. Mehrere größere Reparaturen, Flor in gutem Zustand.
    • Lot3
    • HerkunftSüdkaukasus, Karabagh
    • Abmessungen210 x 143 cm
    • AlterMitte 19. Jh.
    • Schätzpreis EUR2.000
    Ein antiker, rotgrundiger Chondzoresk mit zwei formatfüllenden, mustergültig gezeichneten Medaillons in Dunkelbraun und Hellgrün, darin die provenienztypische Ornamentik mit zentralem Rechteck und acht schlangenartigen Formen in Weiß und Rot. Diese Ornamente wurden früher als Wolkenbänder bezeichnet, werden heute aber für stilisierte Drachendarstellungen gehalten. Gezackte Rauten, kleine Sterne, vierbeinige Tiere und Vögel sind rings um die beiden Primärmotive angeordnet, außerdem ist eine menschliche Figur eingefügt. Die Bordüre ist mit großen Kästen, die zwei Doppelhaken tragen, geschmückt - ein Motiv, das oft in Akstafa-Teppichen vorkommt. Die milden, harmonischen Farben und die Wucht des Musters erlauben eine Datierung dieses "Wolkenband-Kazaks" in die vorkommerzielle Periode. - Leichte Alters- und Gebrauchsspuren, Seiten neu umwickelt, korrodierte braune Partien nachgeknüpft.

    Vergleich:
    EDER, DORIS, Orientteppiche. Kaukasische Teppiche. München 1979, Nr. 83 *** SEVI, DANIELE, Kazak. Selezione di tappeti dell'ottocento. Mailand 1982, Tf. S. 27

    • Lot4
    • HerkunftNordostkaukasus
    • Abmessungen148 x 105 cm
    • Alter2. H. 19. Jh.
    • Schätzpreis EUR3.600
    Das auffälligste Merkmal dieses Dagestan-Gebetsteppichs sind zwei weiße Arme mit ausgestreckter vierfingeriger Hand, die links und rechts neben dem brückenförmigen Giebel am oberen Feldende aufragen. Die "Hand der Fatima" ist im Orient ein uraltes Schutzsymbol. Ungewöhnlich ist hier die Länge der mit kleinen blauen und roten Kreuzen besetzten Arme. Ein anderer Gebetsteppich mit Händen ist von Bausback veröffentlicht worden. Über das nachtblaue Feld ist ein Gittermuster aus gelben, gezackten Blättern gebreitet, in dem Hexagone mit unterschiedlicher Innenmusterung stehen. In der Bordüre bilden S-förmig abstrahierte Vögel eine gebietstyische Ranke. - Leichte Alters- und Gebrauchsspuren, diverse nachgeknüpfte Stellen, reparierte Ecken.

    Vergleich:
    BAUSBACK, PETER, Alte und antike orientalische Knüpfkunst. Mannheim 1979, Tf. S. 39

    • Lot5
    • HerkunftZentralanatolien
    • Abmessungen134 x 115 cm
    • AlterMitte 18. Jh.
    • Schätzpreis EUR2.500
    Im sandfarbenen Innenfeld vier schlanke, rote Säulen mit Basen an beiden Enden, zwischen denen drei kleine Vasen stehen. Die breite, ebenfalls sandfarbene Bordüre ist mit großen Kartuschen geschmückt, die auf alternierend blauem und roten Grund einen blühenden Zweig enthalten. Das Muster steht in der Nachfolge der Ladik-Doppelnischen-Teppiche mit Säulen und ist hier stark vereinfacht worden, sozusagen als ländliche Variante. Ein von Ionescu publiziertes Exemplar mit gleicher Feldmusterung befindet sich im Nationalmuseum für die Geschichte Siebenbürgens in Klausenburg (Inv. Nr. F. 6720). Wie der Vorbildtypus aussah, zeigt zum Beispiel ein von Bausback veröffentlichter Ladik. - Alters- und Gebrauchsspuren, Flor gleichmäßig niedrig, diverse Reparaturen, Außenbordüre ringsum nachgeknüpft. Mit Stoff hinterlegt.

    Vergleich:
    IONESCU, STEFANO (Hrsg.), Die osmanischen Teppiche in Siebenbürgen. Rom 2006, S. 196, Kat. 257 *** BAUSBACK, PETER, Anatolische Knüpfteppiche aus vier Jahrhunderten. Mannheim 1978, Tf. S. 91

    • Lot6
    • HerkunftNordostkaukasus
    • Abmessungen296 x 110 cm
    • AlterMitte 19. Jh.
    • Schätzpreis EUR3.000
    Im sandfarbenen Feld umrahmt ein hellblaues, hexagonales Gitter geometrisch stilisierte Palmetten in unterschiedlichen Farben. In der weißgrundigen Hauptbordüre fallen die Sternblüten mit diagonalen, abgewinkelten Zweigen, die an den Enden eine Knospe tragen, durch ihre zeichnerische Perfektion und ihre weiträumige Anordnung auf. Nach Struktur, Wollmaterial und Farben entstand dieser seltene Teppich in Dagestan. Er wurde in den sechziger Jahren bei Ulrich Schürmann erworben. - Alters- und Gebrauchsspuren, Nachknüpfungen in den Randbereichen.
    • Lot7
    • HerkunftNordwestpersien, Aserbaidschan
    • Abmessungen286 x 133 cm
    • Alter2. H. 19. Jh.
    • Schätzpreis EUR650
    Fünf große Rosetten mit gezackten Umrissen stehen auf der Mittelachse des graublauen Feldes, welches äußerst dicht mit floralen und geometrischen Ornamenten sowie Tieren gefüllt ist. In der schmalen Hauptbordüre ein Muster aus Schrägstreifen, beide Nebenborten zeigen ein ungewöhnliches Muster aus Pfeilen und Diagonalkreuzen. Vermutlich ist der nomadisch wirkende Teppich eine Arbeit der Schahsavanen. – Seiten geschnitten und neu umwickelt, beide Abschlüsse nachgeknüpft und mit Fransen versehen. Flor teils niedrig dünn, diverse reparierte Stellen.
    • Lot8
    • HerkunftSüdkaukasus
    • Abmessungen263 x 116 cm
    • Alterdat. 1303 AH = 1886 AD
    • Schätzpreis EUR1.500
    Kurze Zweige, angeordnet in parallelen Reihen, bilden im schwarzbraunen Innenfeld ein dichtes Rapportmuster in Grün-, Rot- und Rosétönen. Jeder Zweig trägt eine große Blüte. Von dem stark korrodierten Feldgrund heben sich die Motive plastisch ab. In der blaugrundigen Bordüre eine aus kleinen, roten Motiven zusammengesetzte Ranke. Die Datierung "1303" steht am oberen Abschluß in der äußeren Begleitbordüre. - Oberer und unterer Abschluß mit den originalen, netzartig abgeflochtenen Kettfäden, Seiten neu umwickelt, vier größere Reparaturen, sonst guter Zustand.
    • Lot9
    • HerkunftOstkaukasus
    • Abmessungen191 x 118 cm
    • AlterAnfang 20. Jh.
    • Schätzpreis EUR750
    Kleinere Reparaturen, alle Ecken restauriert, sonst guter Zustand.

    Vergleich:
    ESKENAZI, JOHN J., L'Arte del Tappeto Orientale. Mailand 1983, Nr. 127 *** EDER, DORIS, Orientteppiche. Kaukasische Teppiche. München 1979, Nr. 269

    • Lot10
    • HerkunftSüdkaukasus, Aserbaidschan
    • Abmessungen501 x 107 cm
    • Alter2. H. 19. Jh.
    • Schätzpreis EUR1.500
    Im nachtblauen Feld ein Rautengittermuster mit großen, eingestellten Blütenbäumen. Schmale, rote Hauptbordüre, darin eine geometrisch stilisierte, florale Ranke, die beiden blauen Nebenborten mit einer Ranke, die kleine, schräggestellte Knospen trägt. - Im unteren Bereich quer geschnitten und wieder zusammengenäht, somit in der Länge verkürzt.